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Lesen und Schreiben - der Schriftspracherwerb

Wie wir lernen mit Sprache und Schrift umzugehen

6 Kapitel & EinordnungStand Oktober 2026Für Eltern

Entwicklungsstufen, sprachsystematische Ebenen und Teilkompetenzen mit Beispielen, Lesekompetenzen, Förderdiagnostik und Fachliteratur

Inhaltsverzeichnis · alle Themen im Überblick

Einordnung und fachliche Perspektiven

Der Schriftspracherwerb im Deutschen lässt sich in mehrere Entwicklungsstufen, sprachsystematische Ebenen und Teilkompetenzen unterteilen. Für die Lerntherapie ist diese Differenzierung besonders wichtig, weil zwei Kinder mit vergleichbarer Rechtschreibleistung völlig unterschiedliche Kompetenzprofile aufweisen können.

Eine fachlich fundierte Systematisierung sollte deshalb drei Perspektiven berücksichtigen:

  1. Entwicklungspsychologisch: Welche Strategien entwickelt ein Kind im Verlauf des Schriftspracherwerbs?
  2. Sprachsystematisch: Welche Strukturen der deutschen Sprache muss es verstehen und beherrschen?
  3. Kompetenzorientiert: Welche konkreten Fähigkeiten braucht es zum Lesen, Schreiben und Verfassen von Texten?

Die folgende Darstellung verbindet insbesondere die Arbeiten von Frith, Scheerer-Neumann, Bredel/Fuhrhop/Noack, Peter May (HSP), die Aachener Förderdiagnostische Rechtschreibfehler-Analyse (AFRA) und die Bildungsstandards der KMK.

Wichtig: Es gibt kein allgemein anerkanntes, streng lineares Modell, in dem sämtliche Kompetenzen nacheinander erworben werden. Die Ebenen überlagern sich, einzelne Strategien können früh entstehen, während andere basale Fähigkeiten noch unsicher sind. 1

Für dich als Elternteil: Zwei Kinder, zwei Lernwege

Vielleicht liest dein Kind die Nachricht auf einer Geburtstagskarte schon flüssig, schreibt auf seine eigene Karte aber noch „libe Oma“. Ein anderes Kind schreibt bekannte Wörter sicher und braucht beim Lesen einer neuen Geschichte lange. Die folgenden Bereiche helfen dir, genauer hinzusehen: Was gelingt bereits, und welcher nächste Schritt braucht Unterstützung?

1. Die Entwicklungsstufen des Schriftspracherwerbs

Die klassischen Entwicklungsmodelle nach Frith (1985) und die darauf aufbauenden deutschsprachigen Modelle beschreiben vor allem Veränderungen der dominierenden Lese- und Schreibstrategien.

Entwicklungsstufe Zentrale Kompetenz Beispiel
1. Präliteral-symbolische Phase Schrift als Symbolsystem erkennen Das Kind malt buchstabenähnliche Zeichen und bezeichnet sie als Nachricht.
2. Logographemische Phase Wörter anhand visueller Merkmale wiedererkennen Das Kind erkennt seinen Namen, ohne die einzelnen Buchstaben lesen zu können.
3. Alphabetische Phase Laute systematisch mit Graphemen verbinden Aus den Lauten von Rose wird eine alphabetisch orientierte Schreibung gebildet.
4. Orthografische Phase Über die Lautung hinausgehende Schreibmuster und Regeln nutzen Sonne mit Doppelkonsonant, fahren mit Dehnungs-h
5. Zunehmende Integration und Automatisierung Verschiedene Strategien flexibel und schnell kombinieren Ein unbekanntes Wort wird aus Laut-, Silben- und Wortbausteininformationen erschlossen.

Zusammenführung verschiedener Entwicklungsmodelle; keine einheitlich festgelegte Fünfstufenfolge. In der HSP wird die morphematische Strategie gesondert ausgewiesen. 2

Diese Stufen helfen beim Verständnis der Lernentwicklung. Für einen Förderplan sind sie allein allerdings zu grob. Entscheidend ist, welche einzelnen sprachlichen Kompetenzen vorhanden, im Aufbau oder noch nicht sicher verfügbar sind.

2. Die sprachsystematischen Ebenen und ihre Kompetenzen

Die deutsche Orthografie wird wesentlich durch vier Prinzipien strukturiert: das phonografische, silbische, morphologische und syntaktische Prinzip. Dies entspricht unter anderem der Darstellung von Beate Leßmann (2017) auf Basis graphematischer und rechtschreibdidaktischer Literatur. 3

Für eine möglichst vollständige lerntherapeutische Kompetenzübersicht erweitern wir diese Kernbereiche um vorbereitende Fähigkeiten, lexikalisches Wortwissen sowie übergeordnete Textkompetenzen.

Ebene 0 – Schriftbewusstheit und Vorläuferkompetenzen

Funktion: Das Kind versteht, was Schrift ist, wie sie funktioniert und wozu sie dient.

Teilkompetenz Konkret beobachtbares Beispiel
Schriftbewusstheit (Print Awareness) Unterscheiden, ob etwas geschrieben oder gezeichnet wurde
Symbolverständnis Verstehen, dass das geschriebene Wort „Hund“ für ein gesprochenes Wort steht
Buchstabenkenntnis Buchstaben erkennen, benennen und unterscheiden
Buchstabenformkenntnis b, d, p und q visuell unterscheiden
Wortbewusstheit Einen gesprochenen Satz in einzelne Wörter gliedern
Schriftkonventionen Schreibrichtung von links nach rechts, Zeilenfolge, Wortzwischenräume
Schriftfunktion Wissen, dass man durch Texte informieren, erzählen oder Anweisungen geben kann
Frühe Schreibversuche Eigenen Namen schreiben, erste Buchstabenfolgen produzieren

Diese Kompetenzen sind grundlegende Bestandteile früher Literalitätsentwicklung, aber keine isoliert zu durchlaufende Stufe.

Im Familienalltag: Eine Einkaufsliste bekommt Bedeutung

Schreib gemeinsam mit deinem Kind eine kurze Einkaufsliste und zeig beim Einkaufen auf das Wort „Milch“. Dein Kind kann etwas ergänzen, seinen Namen dazuschreiben oder zunächst eigene Zeichen verwenden. So erlebt es unmittelbar, wozu Schrift dient: Eine Nachricht bleibt erhalten und erinnert uns an etwas.

Ebene 1 – Phonologische Ebene

Funktion: Die gesprochene Sprache unabhängig von ihrer Bedeutung bewusst analysieren und verändern.

Die phonologische Bewusstheit lässt sich in zwei Bereiche gliedern.

1.1 Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne

Teilkompetenz Beispiel
Reime erkennen Haus – Maus reimen sich, Haus – Baum nicht
Reime bilden Ein Reimwort zu Tisch finden: Fisch
Silben segmentieren Ba-na-ne besteht aus drei Sprechsilben
Silben synthetisieren Ta + sche ergibt Tasche
Silben zählen Elefant besitzt drei Sprechsilben
Silben manipulieren Bei Blumentopf das Wort ohne Blumen sagen
Anlaute vergleichen Maus und Mond beginnen mit demselben Laut
Lautstruktur von Wörtern vergleichen Erkennen, dass Kraut und Braut sich im Anlaut unterscheiden

1.2 Phonologische Bewusstheit im engeren Sinne

Teilkompetenz Beispiel
Phonemidentifikation Den Anfangslaut /m/ in Maus erkennen
Phonemsegmentierung rot in /r/ – /oː/ – /t/ zerlegen
Phonemsynthese /h/ – /uː/ – /t/ zu Hut verbinden
Lautposition bestimmen Wo befindet sich /m/ in Lama?
Phoneme auslassen Maus ohne /m/ ergibt aus
Phoneme ersetzen Bei Haus /h/ durch /m/ ersetzen: Maus
Phoneme hinzufügen Vor aus ein /h/ setzen: Haus
Phonemfolgen sicher behalten Eine gehörte Lautfolge vollständig und in korrekter Reihenfolge wiedergeben

Die Phonembewusstheit ist keineswegs nur eine Vorschulkompetenz. Eine Metaanalyse von 21 unabhängigen Studien aus dem deutschsprachigen Raum fand einen mittleren Zusammenhang zwischen phonologischer Bewusstheit und späterer Lese- und Rechtschreibleistung (r ≈ 0,31). Die Fähigkeiten auf Phonemebene waren stärkere Prädiktoren als reine Reim- und Silbenleistungen. 4

Im Familienalltag: Mit Wörtern spielen

Such unterwegs gemeinsam mit deinem Kind Reime: Was reimt sich auf „Haus“? Oder sprich „Hut“ langsam mit den Lauten /h/ – /uː/ – /t/ und lass dein Kind das Wort erraten. Sprich dabei die Laute, also /h/ statt des Buchstabennamens „Ha“. Du kannst erst Reime oder Silben aufgreifen und später einzelne Laute verändern, je nachdem, was deinem Kind schon gelingt.

Ebene 2 – Alphabetische beziehungsweise phonografische Ebene

Funktion: Gesprochene Sprache mithilfe der Phonem-Graphem-Zuordnungen verschriften und geschriebene Wörter erlesen.

Teilkompetenz Beispiel
Phonem-Graphem-Korrespondenz /m/ wird durch m verschriftlicht
Graphem-Phonem-Korrespondenz Das Graphem k wird beim Lesen dem Laut /k/ zugeordnet
Mehrgliedrige Grapheme sch, ch, ei, au als funktionale Einheiten erkennen
Alphabetische Vollständigkeit Blume statt einer Skelettschreibung wie BLM
Graphemreihenfolge Brot statt Bort
Konsonantenverbindungen st in Straße, pf in Pferd
Phonologische Differenzierung /b/ und /p/ oder /d/ und /t/ unterscheiden
Verschriftlichung von Pseudowörtern Ein unbekanntes Kunstwort wie Malo lautgerecht aufschreiben
Alphabetisches Rekodieren H + u + t schrittweise zum gesprochenen Wort Hut verbinden
Anbahnung der Synthese Laute nicht nur isoliert benennen, sondern fließend verbinden

Lerntherapeutisch wichtig: Die alphabetische Strategie ist nicht gleichbedeutend mit korrekter Rechtschreibung.

Ein Kind, das Fata statt Vater schreibt, kann bereits eine weit entwickelte alphabetische Strategie besitzen. Es fehlt dann nicht zwangsläufig an Lautanalyse, sondern möglicherweise an orthografischem beziehungsweise wortspezifischem Wissen.

Umgekehrt sind systematische Lautauslassungen, Lautvertauschungen und unvollständige Graphemfolgen Hinweise auf Schwierigkeiten, die genauer untersucht werden sollten. 5

Für dich als Elternteil: Hinter „Fata“ steckt schon Können

Schreibt dein Kind auf eine Karte „Fata“, kannst du zunächst benennen, was gelungen ist: „Du hast auf die Laute im Wort geachtet.“ Zeig anschließend die übliche Schreibung „Vater“. So kannst du das bereits vorhandene Lautwissen würdigen und zugleich deutlich machen, welche Wortschreibung noch gelernt werden muss.

Ebene 3 – Silbische und silbenstrukturelle Ebene

Funktion: Die Struktur von Silben und deren Bedeutung für die deutsche Orthografie verstehen.

Teilkompetenz Beispiel
Sprech- und Schreibsilben unterscheiden Sprechsilben und schriftliche Silbenstruktur getrennt betrachten
Silbenbetonung In Sommer die erste Silbe als betont erkennen
Offene und geschlossene Silben Ha-se und Has-se strukturell unterscheiden
Vokalquantität Kurzen Vokal in Mitte und langen Vokal in Miete unterscheiden
Vokalqualität Gespanntes und ungespanntes /i/ in Miete und Mitte unterscheiden
Silbengelenke erkennen Konsonantenverdopplung in Sommer, Tasse, rennen
Doppelkonsonantenschreibung kommen statt komen
Besondere Kürzemarkierungen ck in backen, tz in Katze
Langvokalmarkierung durch ie Liebe, Wiese, fliegen
Dehnungs-h fahren, nehmen, fühlen
Doppelvokale Boot, Meer, Saat
Silbentrennendes h Ruhe, gehen, sehen
Silbentrennung am Zeilenende Blu-me, Son-ne, ba-cken
Schreibung von s, ss und ß reisen – reißen, Masse – Maße

Wesentlich ist die Unterscheidung zwischen dem Wahrnehmen gesprochener Silben und dem Verstehen orthografischer Silbenstrukturen.

Silbenklatschen oder Silbenschwingen allein erklärt beispielsweise nicht, warum Sonne mit nn geschrieben wird. Dafür benötigt das Kind weiterführende Einsichten in die Struktur betonter und unbetonter Silben sowie in die Kennzeichnung von Vokalkürze.

Das ist eine wichtige Differenzierung in der graphematisch fundierten Didaktik, etwa bei Bredel, Fuhrhop und Noack sowie Leßmann. 6

Im Familienalltag: Genau hören und die Schreibung ansehen

Sprich gemeinsam mit deinem Kind „Mitte“ und „Miete“ und schau dir anschließend beide Wörter an. Was hörst du am Vokal, und was fällt dir beim geschriebenen Wort auf? Dein Kind kann entdecken, dass die beiden Schreibungen unterschiedliche Informationen enthalten. Das bloße Klatschen der Silben würde diesen Unterschied noch nicht erklären.

Ebene 4 – Morphologische Ebene

Funktion: Den Aufbau von Wörtern aus bedeutungstragenden Einheiten erkennen und für die Rechtschreibung nutzen.

Das morphologische Prinzip ist im Deutschen besonders bedeutsam. Es beschreibt unter anderem die weitgehende Konstanz der Schreibung von Wortstämmen, auch wenn sich ihre Aussprache verändert.

Teilkompetenz Beispiel
Morpheme erkennen un-freund-lich in seine Wortbausteine gliedern
Wortstämme identifizieren fahr in fahren, Fahrer, Fahrzeug
Wortfamilien bilden spielen, Spiel, Spieler, spielbar
Auslautverhärtung durch Verlängern klären Hund → Hunde, daher d statt t
Umlautableitung Hände von Hand → ä
Diphthongableitung Häuser von Haus → äu
Morphemkonstanz fährt und fahren gehören zur gleichen Wortfamilie
Präfixe erkennen ver-, be-, ent-, un-
Suffixe erkennen -ung, -heit, -keit, -lich, -bar
Flexionsmorpheme spiel-e, spiel-st, spiel-t
Wortbildung durch Ableitung schön → Schönheit, freundlich → Freundlichkeit
Wortbildung durch Komposition Haus + Tür → Haustür
Morphemgrenzen berücksichtigen Fahrrad enthält die Stämme fahr und Rad
Grammatische Endungen verschriften Kind – Kinder, gehen – geht
Wortbedeutung zur Schreibentscheidung nutzen das Meer gegenüber mehr Wasser

Die morphologische Ebene ist eine zentrale Grundlage für die fortgeschrittene Rechtschreibentwicklung. Besonders das Verlängern, Ableiten und Zerlegen von Wörtern ermöglicht es, Schreibungen zu erschließen, die sich aus der Lautung allein nicht eindeutig bestimmen lassen. 7

Im Familienalltag: Ein Wort hilft beim anderen

Beim Schreiben einer Tiergeschichte ist dein Kind bei „Hund“ unsicher: Endet das Wort mit „d“ oder „t“? Frag: „Wie heißt es, wenn es mehrere sind?“ In „Hunde“ wird das „d“ hörbar. Bei „Häuser“ hilft entsprechend die Frage nach „Haus“. So bekommt dein Kind einen nachvollziehbaren Weg, um eine Schreibentscheidung zu begründen.

Ebene 5 – Lexikalische und wortspezifische Ebene

Funktion: Orthografische Wortformen speichern, wiedererkennen und automatisiert abrufen.

Nicht jede deutsche Schreibung lässt sich zuverlässig aus phonografischen, silbischen oder morphologischen Regeln herleiten. Deshalb benötigt das Kind zusätzlich einen orthografischen Wortschatz.

Teilkompetenz Beispiel
Wortspezifische Schreibungen speichern Vater, Vogel, viel
Merkwörter beherrschen Hexe, Mai, Theater
Häufigkeitswörter automatisieren und, nicht, aber, weil
Orthografische Muster speichern -ung, -heit, -keit als häufige Schreibmuster
Fremdwortschreibungen erwerben Physik, Computer, Rhythmus
Homophone unterscheiden Meer – mehr, Wal – Wahl
Schreibungen schnell abrufen Fahrrad ohne wiederholtes Nachdenken über die beiden r schreiben
Orthografische Fehler erkennen Eine Fehlschreibung wie Faraad als unpassend bemerken
Orthografische Zweifelsfälle klären Wörterbuch oder digitale Rechtschreibhilfe einsetzen

Diese Ebene ist keine eigenständige Entwicklungsstufe in allen Modellen, sondern beschreibt einen wichtigen zusätzlichen Bereich orthografischer Kompetenz.

Auch geübte Schreibende nutzen einerseits gespeicherte Wortformen und andererseits regel- beziehungsweise strukturgeleitete Verfahren. Die Verfahren ergänzen sich. 8

Ebene 6 – Syntaktische und wortübergreifende Ebene

Funktion: Grammatische Beziehungen innerhalb von Sätzen und zwischen Wörtern erkennen und für die Schreibung berücksichtigen.

Teilkompetenz Beispiel
Wortarten im Satz bestimmen Nomen, Verb, Adjektiv identifizieren
Großschreibung von Nomen der Baum, die Freude
Nominalgruppen erkennen der wunderschöne alte Baum
Nominalisierungen erkennen das Laufen, etwas Schönes
Satzanfänge großschreiben Heute regnet es.
Satzgrenzen erkennen Zwei selbstständige Sätze unterscheiden
Satzschlusszeichen verwenden Punkt, Fragezeichen, Ausrufezeichen
Haupt- und Nebensätze unterscheiden Ich bleibe zu Hause, weil ich krank bin.
Kommas in Satzgefügen setzen Ich glaube, dass es morgen regnet.
Kommas bei Aufzählungen Äpfel, Birnen und Bananen
Direkte Rede kennzeichnen „Komm her!“, rief sie.
das und dass unterscheiden Das Kind weiß, dass es regnet.
Getrennt- und Zusammenschreibung Rad fahren, aber einkaufen
Grammatische Bezüge für Schreibungen nutzen das Schöne gegenüber ein schönes Bild
Syntaktische Mehrdeutigkeiten auflösen Sie hat das Essen vergessen. – Sie hat vergessen, zu essen.

Hier zeigt sich ein grundlegender Unterschied zur Wortebene: Manche Schreibentscheidungen können nicht am isolierten Wort getroffen werden. Erst die syntaktische Funktion im Satz macht eine korrekte Entscheidung möglich.

Die HSP bezeichnet entsprechende Leistungen unter anderem als wortübergreifende Strategie. Die AFRA führt eine eigenständige syntaktische Analyseebene. 9

Ebene 7 – Textuelle und pragmatische Ebene

Funktion: Schrift nicht nur korrekt, sondern zusammenhängend, verständlich und zweckgerichtet einsetzen.

Teilkompetenz Beispiel
Schreibabsichten entwickeln Einen Bericht, eine Erzählung oder eine Anleitung verfassen wollen
Texte planen Ideen sammeln, ordnen und gliedern
Textsortenwissen anwenden Eine Erzählung anders aufbauen als eine Vorgangsbeschreibung
Textkohärenz herstellen Einen inhaltlich nachvollziehbaren roten Faden entwickeln
Textkohäsion herstellen Sätze durch Pronomen, Konjunktionen und Verweise verknüpfen
Zeitliche Reihenfolge gestalten Zuerst … Danach … Schließlich …
Referenzen eindeutig gestalten Bei Lisa traf Emma. Sie lachte. klären, wer gemeint ist
Angemessenen Wortschatz nutzen Präzise Verben und situationsgerechte Formulierungen wählen
Adressatenorientiert schreiben Einen Brief an Freunde anders gestalten als eine sachliche Information
Texte strukturell gliedern Überschrift, Einleitung, Hauptteil, Schluss, Absätze
Texte überarbeiten Inhalt, Verständlichkeit, Wortwahl und Satzbau kontrollieren
Orthografisch korrigieren Rechtschreibfehler gezielt suchen und verbessern

Diese Kompetenzen sind nicht einfach eine weitere Stufe der Rechtschreibentwicklung. Sie gehören zur umfassenderen Schreibkompetenz. Die KMK-Bildungsstandards von 2022 unterscheiden ausdrücklich Schreibfertigkeiten, orthografisches Schreiben und das Verfassen von Texten. 10


Im Familienalltag: Eine Einladung muss beim Gegenüber ankommen

Lass dein Kind eine Einladung zu einem Spielenachmittag formulieren. Überlegt gemeinsam: Wer wird eingeladen, wann geht es los und wo findet das Treffen statt? Lies den Text dann aus Sicht des eingeladenen Kindes. Erst wenn die Nachricht verständlich ist, schaust du in einem eigenen Durchgang auf die Rechtschreibung. So werden Textplanung, Adressatenorientierung und Überarbeitung konkret.

3. Die Lesekompetenzen als paralleler Entwicklungsbereich

Die bisherigen Ebenen beschreiben vor allem die sprachlichen Voraussetzungen und das Rechtschreiben. Der vollständige Schriftspracherwerb umfasst aber ebenso das Lesen.

Dabei ist wichtig, dass Lesen und Schreiben nicht zwangsläufig auf demselben Entwicklungsniveau liegen. Ein Kind kann beispielsweise relativ flüssig lesen, aber große Schwierigkeiten mit der morphematisch gestützten Rechtschreibung haben.

Leseebene Einzelkompetenzen Beispiel
Logographemisches Erkennen Bekannte Wortbilder identifizieren Den eigenen Namen erkennen
Alphabetisches Rekodieren Grapheme in Laute umsetzen, Lautsynthese H-u-n-d erlesen
Orthografisches Dekodieren Silben, Morpheme und häufige Buchstabenfolgen verarbeiten Freundlichkeit in größere Einheiten gliedern
Automatisierte Worterkennung Häufige Wörter schnell und sicher erkennen und, nicht, heute unmittelbar lesen
Lesegenauigkeit Wörter korrekt lesen und Fehler selbst korrigieren Haus nicht mit Maus verwechseln
Lesegeschwindigkeit Wörter und Sätze in angemessenem Tempo lesen Einen kurzen Text zunehmend flüssig lesen
Leseprosodie Sinnentsprechende Betonung und Pausensetzung Einen Fragesatz erkennbar als Frage lesen
Wortverständnis Bedeutung gelesener Wörter abrufen überrascht verstehen
Satzverständnis Grammatische Beziehungen entschlüsseln Der Hund jagt die Katze gegenüber Die Katze jagt den Hund
Textverständnis Informationen verknüpfen und Schlussfolgerungen ziehen Aus einer Geschichte erschließen, warum eine Figur Angst hat
Metakognitives Leseverstehen Verständnis überwachen und Strategien einsetzen Unklare Stellen erneut lesen oder Fragen an den Text stellen

Für die Leseflüssigkeit hat sich insbesondere die Unterscheidung von Genauigkeit, Automatisierung, Geschwindigkeit und Prosodie etabliert. Die LISUM-Handreichung zur Förderung von Kindern mit Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben behandelt diese Bereiche explizit. 11

Für dich als Elternteil: Flüssig gelesen heißt noch nicht verstanden

Lies gemeinsam mit deinem Kind ein Rezept oder einen kurzen Spielhinweis und frag anschließend: „Was sollen wir als Erstes tun?“ Wenn dein Kind den Satz flüssig vorliest, die Handlung aber nicht erklären kann, lohnt sich ein gemeinsamer Blick auf Wort- und Satzbedeutungen. Muss es noch jedes Wort mühsam entziffern, kannst du den Abschnitt anschließend vorlesen und gemeinsam mit deinem Kind besprechen. So erlebt ihr unterschiedliche Anforderungen des Lesens an einem konkreten Beispiel.

4. Übergreifende Kompetenzen, die nicht in einer einzelnen Ebene aufgehen

Zusätzlich sind folgende Bereiche zu berücksichtigen:

  • Graphomotorik und Schreibflüssigkeit: Buchstaben formen, Schreibrichtung beherrschen, leserlich und zunehmend automatisiert schreiben.
  • Orthografische Bewusstheit: Über Schreibungen nachdenken, Regelmäßigkeiten erkennen, Alternativen vergleichen.
  • Metasprachliches Wissen: Begriffe wie Laut, Silbe, Wortstamm, Verb oder Nebensatz verstehen und bei der Reflexion nutzen.
  • Strategiewissen: Selbstständig entscheiden, ob beispielsweise Verlängern, Ableiten, Silbenanalyse oder Nachschlagen hilfreich ist.
  • Selbstkontrolle: Fehler erkennen, Lösungswege überprüfen, Überarbeitungsstrategien anwenden.

Gerade für lerntherapeutische Aufgaben ist bedeutsam, dass die Fähigkeit, eine Regel verbal zu erklären, nicht mit der Fähigkeit identisch ist, sie beim Schreiben korrekt anzuwenden.


5. Zusammenführung für die lerntherapeutische Förderdiagnostik

Die folgende Matrix ist eine modellübergreifende Synthese, keine unverändert übernommene Einteilung aus einem einzelnen Testverfahren.

Kompetenzbereich Diagnostische Leitfrage
0. Schriftbewusstheit Versteht das Kind die grundlegenden Funktionen und Konventionen von Schrift?
1. Phonologische Bewusstheit Kann das Kind gesprochene Sprache in Silben und Phoneme analysieren und verändern?
2. Alphabetisches Prinzip Kann es gehörte Phoneme vollständig und in richtiger Reihenfolge verschriften?
3. Silbisch-orthografisches Prinzip Versteht es Silbenstruktur, Vokalquantität und die entsprechenden Schreibmuster?
4. Morphologisches Prinzip Nutzt es Wortstämme, Wortfamilien, Verlängerungen und Ableitungen?
5. Lexikalisches Wortwissen Verfügt es über sichere, automatisiert abrufbare Wortschreibungen?
6. Syntaktisches Prinzip Nutzt es grammatische Strukturen zur Großschreibung, Zeichensetzung und weiteren Schreibentscheidungen?
7. Textkompetenz Kann es zusammenhängende, adressatengerechte Texte planen, formulieren und überarbeiten?
Parallel: Lesekompetenz Wie sicher sind Rekodieren, automatisierte Worterkennung, Leseflüssigkeit und Leseverstehen?
Übergreifend: Schreibfertigkeit Wie automatisiert, leserlich und effizient ist die motorische beziehungsweise digitale Textproduktion?

Für die praktische Diagnostik sollte jede Teilkompetenz idealerweise mit mehreren geeigneten Aufgaben erfasst werden. Einzelne Fehlschreibungen erlauben noch keine sichere Zuordnung zu einer bestimmten Ursache.

Besonders hilfreich ist die Kombination sich ergänzender Verfahren. Die folgenden drei Verfahren ermöglichen unterschiedliche Einblicke:

HSP – Hamburger Schreib-Probe: Sie beschreibt Kompetenzprofile anhand alphabetischer, orthografischer, morphematischer und wortübergreifender Strategien.

Oldenburger Fehleranalyse (OLFA): Sie differenziert Fehler anhand der Schwere und der Bedeutung für die Entwicklung der Rechtschreibung und gibt einen genauen Überblick darüber, wo das Kind steht und auf welcher Ebene die Fehler passieren.

AFRA – Aachener Förderdiagnostische Rechtschreibfehler-Analyse: Sie differenziert Fehler anhand sprachwissenschaftlicher Kategorien und unterscheidet insbesondere phonologische, vokalquantitätsbezogene, morphologische und syntaktische Bereiche. Die AFRA eignet sich deshalb besonders zur feineren Beschreibung individueller Rechtschreibschwierigkeiten. 12

6. Zentrale Fachliteratur und Quellen

6.1 Fachliteratur im Überblick

Die folgende Auswahl ist für eine wissenschaftlich fundierte Weiterarbeit und den Aufbau eines eigenen Kompetenzrasters besonders relevant.

Literatur Schwerpunkt
Bredel, U., Fuhrhop, N. & Noack, C. (2011). Wie Kinder lesen und schreiben lernen. Graphematische Grundlagen und Systematik des Schriftspracherwerbs
Scheerer-Neumann, G. (2015). Lese-Rechtschreib-Schwäche und Legasthenie: Grundlagen, Diagnostik und Förderung. Entwicklungsmodelle, Diagnostik, Förderung
May, P. (2013). Hamburger Schreib-Probe (HSP 1–10). Strategiebasierte Rechtschreibdiagnostik
Leßmann, B. (2017). Richtig schreiben lernen – Zwischen Orthografie, Kind und Unterricht. Verknüpfung orthografischer Prinzipien und didaktischer Ansätze
Naumann & Stoffers (1993), AFRA. Sprachwissenschaftlich begründete qualitative Rechtschreibfehleranalyse
KMK (2022). Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich. Verbindliche Kompetenzbereiche für Lesen und Schreiben
LISUM (2022). Manchmal stehen die Dinge auf dem Kopf – Begleitung von Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Rechtschreiben. Praxisorientierte Förderdiagnostik und Förderplanung

6.2 Direkt zugängliche Quellen

6.3 Quellenverweise der Ausgangsantwort

Die folgenden Fußnoten geben die Quellen aus den aufklappbaren Nachweisen der ursprünglichen Antwort wieder. Die Quellenzuordnung der Ausgangsantwort bleibt erhalten.

Footnotes

  1. Leßmann: Richtig schreiben lernen (PDF; in der Quellenkarte als „9783464757406 gsm201704 S007-039.indd“ bezeichnet); BiSS-Transfer: Hamburger Schreibprobe 5–10 (HSP 5–10); IQB Berlin: Kompetenzstufenmodell zu den Bildungsstandards. ↩

  2. Bildungsserver Berlin-Brandenburg: „DeutschRechtschreibung2Lehrer2008-02-26.doc“ (PDF); BiSS-Transfer: Hamburger Schreibprobe 5–10 (HSP 5–10); Bildungsserver Berlin-Brandenburg: Anfangsunterricht. ↩

  3. Leßmann (2017): Richtig schreiben lernen (PDF); Bildungsserver Berlin-Brandenburg: Rechtschreiberwerb und Rechtschreibstrategien. ↩

  4. Universität Bamberg: Children’s Phonological Awareness as a Predictor of Reading and Spelling: A Systematic Review of Longitudinal Research in German-Speaking Countries; Springer Nature Link: Phonembewusstheit von angehenden Grundschullehrkräften: Wie gut sind sie auf den schriftsprachlichen Anfangsunterricht vorbereitet?. ↩

  5. Bildungsserver Berlin-Brandenburg: „DeutschRechtschreibung2Lehrer2008-02-26.doc“ (PDF); BiSS-Transfer: Hamburger Schreibprobe 5–10 (HSP 5–10). ↩

  6. Leßmann (2017): Richtig schreiben lernen (PDF); Bildungsserver Berlin-Brandenburg: Rechtschreiberwerb und Rechtschreibstrategien. ↩

  7. Leßmann: Richtig schreiben lernen (PDF; in der Quellenkarte als „9783464757406 gsm201704 S007-039.indd“ bezeichnet); Bildungsserver Berlin-Brandenburg: Stufenmodelle als diagnostische Orientierungsrahmen (ILeA I, PDF). ↩

  8. Leßmann (2017): Richtig schreiben lernen (PDF); KMK: Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich (2022, PDF). ↩

  9. BiSS-Transfer: Hamburger Schreibprobe 5–10 (HSP 5–10); BiSS-Transfer: Aachener Förderdiagnostische Rechtschreibfehler-Analyse (AFRA). ↩

  10. KMK: Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich (2022, PDF); KMK: Bildungsstandards in Deutschland. ↩

  11. LISUM (2022): Manchmal stehen die Dinge auf dem Kopf (PDF); Bildungsserver Berlin-Brandenburg: Die orthografische Strategie; KMK: Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich (2022, PDF). ↩

  12. BiSS-Transfer: Hamburger Schreibprobe 5–10 (HSP 5–10); BiSS-Transfer: Aachener Förderdiagnostische Rechtschreibfehler-Analyse (AFRA). ↩

Der erste Schritt ist ein Gespräch.

Gemeinsam finden wir heraus, ob und wie wir dein Kind lerntherapeutisch unterstützen können.

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