Praxisguide für Lehrkräfte

ADHS in der Schule

Verstehen, unterstützen, gemeinsam lernen: Wie du Kindern und Jugendlichen mit ADHS den Schulalltag erleichterst – von der ersten Aufgabe bis zur letzten Unterrichtsstunde.

7 KapitelAlle SchulstufenKostenfrei

Du erklärst die Aufgabe, das Kind nickt – und zehn Minuten später ist das Heft immer noch leer. Du erinnerst an eine Regel, die längst bekannt ist, und kurz darauf passiert derselbe Fehler wieder. Solche Situationen kosten Kraft. Besonders dann, wenn du gleichzeitig eine ganze Klasse begleiten sollst.

Bei ADHS reicht es häufig nicht, eine Anforderung verstanden zu haben. Entscheidend ist, ob ein Kind sie im richtigen Moment umsetzen kann. Deine Unterstützung muss deshalb dort ankommen, wo das Handeln schwerfällt: am Arbeitsplatz, beim Stundenwechsel, beim Einpacken oder mitten in einer unübersichtlichen Aufgabe. Eine sichtbare Schrittfolge und ein kurzer gemeinsamer Anfang können hilfreicher sein als eine weitere Erklärung darüber, wie wichtig Konzentration ist.

Die Kernprinzipien am Anfang dieses Guides bilden die Grundlage dafür, ADHS im Schulalltag zu verstehen und passende Unterstützung abzuleiten. Darauf bauen die Empfehlungen zur schulischen Organisation, zu Hausaufgaben, Unterricht, Verhaltensvereinbarungen und Übergängen auf. Viele Hilfen kommen der ganzen Klasse zugute; andere vereinbarst du individuell. Wähle zunächst wenige Veränderungen und beobachte ihre Wirkung gemeinsam mit dem Kind.

1. Kernprinzipien

Diese Prinzipien gehören zusammen. Sie erklären, warum eine bekannte Regel allein oft nicht reicht und weshalb Unterstützung im richtigen Moment so wichtig ist. Aus jedem Prinzip folgt eine Aufgabe für dich und für die Gestaltung des Schulalltags.

ADHS als eine Schwierigkeit der Selbstregulation verstehen

Bei ADHS ist die Selbstregulation erschwert: Aufmerksamkeit lenken, einen Impuls bremsen, eine Handlung beginnen oder ein Gefühl regulieren kann mehr Unterstützung erfordern. Die Schwierigkeiten zeigen sich unterschiedlich und können sich mit Aufgabe, Umgebung und Tagesform verändern.

Nimm diese Einschränkung als Ausgangspunkt deiner Planung ernst. Eine wiederholte Aufforderung, sich einfach mehr zusammenzureißen, schafft noch keine zusätzliche Fähigkeit zur Selbststeuerung. Frage stattdessen, welche äußere Hilfe die Anforderung in dieser Situation erreichbar macht.

Für deinen Unterricht heißt das: Plane Unterstützung als Bestandteil des Lernens ein. Klare Abläufe, sichtbare Hinweise und kurze Rückmeldungen helfen, Selbststeuerung im Alltag umzusetzen.

ADHS erschwert das Handeln, auch wenn das Wissen vorhanden ist

Ein Kind kann dir erklären, dass es vor dem Antworten warten soll, und trotzdem dazwischenrufen. Es kann den Lösungsweg kennen und dennoch nicht anfangen. ADHS kann unter anderem die Steuerung von Aufmerksamkeit, Impulsen, Motivation und Handlungsabläufen erschweren. Wie stark sich das zeigt, hängt auch von Aufgabe, Umgebung und Tagesform ab.

Das bedeutet für dich: Eine gelungene Stunde beweist nicht, dass das Kind alle anderen Stunden genauso bewältigen könnte. Und eine schwierige Stunde sagt wenig über seinen guten Willen aus. Frag zuerst: Was verlangt diese Situation gerade? Muss das Kind mehrere Schritte behalten, eine Ablenkung ausblenden oder auf eine weit entfernte Rückmeldung warten?

In der Grundschule kann die Hürde schon zwischen „Nimm dein Heft heraus“ und dem Öffnen des Ranzens liegen. In der Oberstufe liegt sie vielleicht darin, aus einem mehrwöchigen Referatsauftrag den ersten Arbeitsschritt abzuleiten. In beiden Fällen hilft es, genau an dieser Stelle anzusetzen. Mehr dazu erklärt unser Abschnitt über das Aktivierungsproblem und den Arbeitsbeginn.

Für deinen Unterricht heißt das: Prüfe neben dem Verständnis immer auch den Arbeitsbeginn und das Dranbleiben. Wenn die Umsetzung einbricht, braucht es dort eine konkrete Hilfe.

Akzeptiere das Kind und baue Rampen an der entscheidenden Stelle

Du begleitest einen Menschen mit eigenen Interessen, Fähigkeiten und Grenzen. Dein Auftrag ist, einen Lernraum zu schaffen, in dem dieser Mensch teilnehmen, lernen und sich entwickeln kann. Das braucht Verständnis und verlässliche Anforderungen. ADHS lässt sich durch Ermahnungen nicht abstellen; passende Unterstützung kann den Umgang damit deutlich erleichtern.

Halte deshalb an sinnvollen Zielen fest und passe den Weg dorthin an. Wenn ein Kind andere verletzt, schützt du die Beteiligten und setzt eine klare Grenze. Wenn es eine Aufgabe nicht beginnt, hilfst du beim Einstieg. Die Erklärung für eine Schwierigkeit und die Verantwortung für einen guten Umgang damit gehören zusammen.

Schau außerdem auf Kinder, die wenig auffallen. Ein stilles Kind kann den Anschluss verlieren, ohne den Unterricht zu stören. Frag nach, wie es den Auftrag verstanden hat, wie weit es gekommen ist und wie anstrengend die Arbeit war. Ruhiges Sitzen allein ist kein verlässliches Zeichen dafür, dass Lernen gelingt.

Das Bild einer Rampe hilft: Du hältst am Ziel fest und machst den Zugang möglich. Diese Hilfe gehört an den „Point of Performance“, also genau dorthin, wo die Handlung stattfinden soll. Eine Packliste hilft am Ranzen; der Hinweis auf den ersten Schritt hilft am Arbeitsplatz. Eine nachträgliche Ermahnung ersetzt beides nicht.

Für deinen Unterricht heißt das: Versuche nicht, das Kind durch Druck zu einem anderen Menschen zu machen. Gestalte den Weg so, dass es mit seinen Voraussetzungen lernen und sich entwickeln kann.

Eine Person erreicht ein Ziel über eine Rampe, die den Weg über mehrere Stufen zugänglich macht.
Das Ziel bleibt. Der Zugang wird leichter.Eine passende Hilfe macht den nächsten Schritt erreichbar: am Arbeitsplatz, beim Einpacken oder genau dort, wo die Handlung gerade schwerfällt.

Deine Rolle: begleiten, schützen und den Rahmen schaffen

Du kannst die Entwicklung eines Kindes begleiten und Bedingungen schaffen, unter denen es seine Fähigkeiten nutzen kann. Du kannst sie nicht wie ein technisches Projekt nach einem festen Bauplan herstellen. Das Bild einer Schäferin oder eines Schäfers beschreibt diese Haltung: Du gibst Orientierung, schützt und behältst im Blick, was gerade gebraucht wird.

Verständnis und Verlässlichkeit gehören dabei zusammen. Das Kind braucht eine Lehrkraft, die ansprechbar bleibt, Anforderungen verständlich macht und bei Schwierigkeiten einen nächsten Schritt anbietet. Du musst dafür nicht jede Handlung übernehmen. Deine Unterstützung soll dem Kind zunehmend eigene gelingende Erfahrungen ermöglichen.

Für deinen Unterricht heißt das: Schaffe einen Klassenraum, in dem Hilfe erreichbar ist, Grenzen berechenbar sind und das Kind mit ADHS dazugehört.

Zeitblindheit: Zeit muss eine sichtbare Form bekommen

Zeit lässt sich bei ADHS mitunter schwer einschätzen und im Blick behalten. Ein sichtbarer Timer, eine Uhr oder markierte Zwischenzeiten können Orientierung geben. Erkläre dabei, wofür die Anzeige da ist: Sie zeigt den Arbeitsrahmen und erinnert an den nächsten Schritt. Sie soll keinen zusätzlichen Wettbewerb auslösen.

Frag nach einer Arbeitsphase gemeinsam: Wie viel war in dieser Zeit machbar? War die Portion zu groß? Haben wir einen Schritt vergessen? So entsteht nach und nach eine brauchbarere Planung. Hintergründe findest du im Abschnitt über Zeitwahrnehmung und Planung.

Wenn das Zeitfenster endet, braucht das Kind eine Handlung: den aktuellen Satz beenden, den Zwischenstand markieren, dir ein Ergebnis zeigen. Ein bloßes Klingeln hilft wenig, wenn unklar bleibt, was jetzt folgen soll. Bei Leistungsüberprüfungen stimmst du notwendige Unterstützung mit den zuständigen Personen gesondert ab.

Für deinen Unterricht heißt das: Mache Zeiträume und Zwischenschritte sichtbar. Teile längere Arbeiten auf und verkürze die Strecke zwischen einer Handlung und der Rückmeldung dazu.

Selbstmotivation braucht Unterstützung von außen

Motivation ist bei ADHS nicht einfach eine Frage des Charakters. Es kann schwerfallen, eine wenig interessante Aufgabe aus eigener Kraft zu beginnen und ein weit entferntes Ziel während der Arbeit wirksam im Blick zu behalten. Interesse oder eine unmittelbare Rückmeldung verändern diese Situation oft erheblich.

Ein fernes Ziel wie eine gute Zeugnisnote kann im Arbeitsmoment wenig Orientierung geben. Kurze, unmittelbare Rückmeldungen machen dagegen sichtbar, was gerade gelingt und was als Nächstes ansteht. Warte deshalb nicht bis zum Ende einer langen Stunde, wenn das Kind zwischendurch Unterstützung braucht.

Für deinen Unterricht heißt das: Gib häufiger konkrete Anerkennung und mache Erfolg zeitnah erlebbar. Vereinbare Anreize, die das Kind tatsächlich interessieren, und überprüfe sie regelmäßig. Wenn eine Grenze nötig ist, zeige auch, welche hilfreiche Handlung jetzt möglich ist.

Das Arbeitsgedächtnis braucht äußere Stützen

Das Arbeitsgedächtnis hält Informationen kurz verfügbar, während wir mit ihnen arbeiten. Bei ADHS kann es schwieriger sein, mehrere Schritte unter Ablenkung zuverlässig zu behalten. Das bedeutet nicht, dass ein Kind überhaupt nichts speichern kann. Es bedeutet, dass ein wichtiger Auftrag eine zusätzliche äußere Stütze braucht.

Schreibe die Arbeitsschritte an die Tafel oder auf eine kleine Karte. Zum Beispiel: „1. Text lesen. 2. Zwei Stellen markieren. 3. Eine Frage beantworten.“ Das Kind kann jederzeit zurückkehren, wenn es den Faden verliert. Eine verständliche Liste erspart wiederholtes Nachfragen und dir wiederholte lange Erklärungen.

Auch in Mathematik kann ein sichtbarer Rechenweg entlasten. Lass Zwischenergebnisse notieren und mit Material oder Skizzen arbeiten, wenn die Aufgabe das zulässt. „Denk noch einmal gründlich nach“ liefert keine Stütze für eine Information, die gerade nicht mehr verfügbar ist. Mehr dazu steht im Abschnitt über das Arbeitsgedächtnis.

Meckern oder wiederholtes Belehren hält einen verlorenen Arbeitsschritt nicht zuverlässig verfügbar. Bei schwierigen Denkaufgaben kann es außerdem helfen, etwas zu legen, zu skizzieren oder auszuprobieren, damit nicht alles gleichzeitig im Kopf verarbeitet werden muss.

Für deinen Unterricht heißt das: Externalisiere wichtige Informationen: Halte sie außerhalb des Kopfes sichtbar und nutzbar fest. Gib kurze Anweisungen und mache das benötigte Material sowie die nächsten Schritte zugänglich.

Selbstwahrnehmung braucht Rückmeldung und Übung

Hilf dem Kind, frühe Hinweise auf Überlastung zu erkennen. Frag in ruhigen Momenten: „Wie merkst du, dass du eine Pause brauchst?“ Manche nennen körperliche Unruhe, andere Ärger, Kopfschmerzen oder das Gefühl, gar nichts mehr zu verstehen. Auch Hunger, Durst oder ein nötiger Toilettengang können Aufmerksamkeit verlangen.

Ein vereinbartes Zeichen kann anhalten und Orientierung geben. Bei jüngeren Kindern passt vielleicht eine kleine Bildkarte, bei Jugendlichen ein unauffälliges Handzeichen. Kläre vorher, was es bedeutet: kurz stoppen, den Auftrag anschauen, gegebenenfalls Hilfe holen. Ein unerwartetes Signal kann selbst irritieren.

Selbsteinschätzung entsteht durch Übung und wertschätzende Rückmeldung. Lass das Kind eine Arbeitsphase einschätzen und ergänze deine Beobachtung: „Du fandest den Anfang schwierig. Danach hast du zwei Aufgaben bearbeitet.“ Bleib bei konkreten Situationen. Wenn Überforderung häufig oder sehr stark auftritt, suche mit Eltern und schulischen Fachpersonen nach zusätzlicher Unterstützung.

Für deinen Unterricht heißt das: Baue kurze, nicht wertende Rückmeldungen in den Alltag ein. Vereinbare ein bekanntes Signal zum Anhalten und Orientieren, statt erst bei einem Konflikt Aufmerksamkeit einzufordern.

Emotionale Selbstregulation braucht Begleitung und Entlastung

Bei manchen Kindern und Jugendlichen mit ADHS können Gefühle rasch sehr intensiv werden. Enttäuschung, Streit oder ein misslungener Arbeitsbeginn nehmen dann so viel Raum ein, dass eine sachliche Erklärung kaum ankommt. Die Schwierigkeit kann sich auch als Rückzug, Erstarren oder Weinen zeigen.

Wenn die Situation kippt, reduziere deine Ansprache. Sprich ruhig und konkret, halte die Grenze klar und unterstütze den nächsten sicheren Schritt. Eine lange Diskussion über das Fehlverhalten ist in diesem Moment meist schwer nutzbar. Bei Verletzungen oder einer gefährlichen Situation sorgst du zuerst für Sicherheit.

Besprich den Vorfall später, wenn das Kind wieder erreichbar ist. Beschreibe den Ablauf, höre seine Sicht an und suche gemeinsam nach einem früheren Ansatzpunkt: Woran hätte es gemerkt, dass es zu viel wird? Welches Signal hätte geholfen? Was lässt sich wiedergutmachen? Hintergründe findest du bei der emotionalen Regulation.

Ein ruhiger Rückzugsplatz kann helfen, bevor eine Situation eskaliert. Vereinbare ihn in einem entspannten Moment: Wo ist er? Wie zeigt das Kind seinen Bedarf an? Wer begleitet oder behält die Situation im Blick? Wie findet es zurück in die Arbeit? Die schulische Aufsicht und der konkrete Unterstützungsbedarf gehören in diese Absprache.

Der Ort dient der Beruhigung. Er sollte keine öffentliche Sanktion und kein Ausschluss von der Klasse sein. Während der ersten Entlastung sind zusätzliche Fragen und Arbeitsaufträge oft wenig hilfreich. Biete eine kurze, vertraute Orientierung an: „Du kannst jetzt die vereinbarte Pause nutzen. Ich komme gleich nach dir schauen.“

Vermeide ein starres „Nach exakt drei Minuten musst du wieder funktionieren“. Vereinbare stattdessen einen kurzen Kontakt und prüfe, ob die Rückkehr möglich ist. Der Wiedereinstieg braucht eine überschaubare Handlung: eine Aufgabe gemeinsam beginnen, ein Ergebnis ansehen oder zunächst zuhören. Erkenne an, wenn das Kind die Pause rechtzeitig genutzt hat.

Für deinen Unterricht heißt das: Ermögliche eine vereinbarte Pause, begleite die Beruhigung und unterstütze die Rückkehr. Ein Rückzugsangebot dient der Entlastung; ein klärendes Gespräch folgt, sobald das Kind wieder erreichbar ist.

Ein ruhiger Sitzplatz ist durch einen Pfeil mit einem Arbeitsplatz und einer überschaubaren Aufgabe verbunden.
Zur Ruhe kommen. Wieder Anschluss finden.Die vereinbarte Pause gehört zum Lernalltag. Zur Rückkehr hilft ein einfacher nächster Schritt, den du bei Bedarf gemeinsam mit dem Kind beginnst.

2. Basis für die Schule

Aus den Kernprinzipien folgt eine gemeinsame Verantwortung: Die Schule braucht einen verlässlichen Rahmen, in dem die Unterstützung im Alltag tatsächlich verfügbar ist. Beginne bei Zuständigkeiten und Routinen und gestalte anschließend Arbeitsplatz und Arbeitsverhalten.

Fachwissen und Verantwortung in der Schule verankern

Eine feste Ansprechperson mit ADHS-Fachwissen kann Kollegium und Eltern unterstützen. Sie hilft, Absprachen zu koordinieren, geeignete Fortbildungen zu finden und Maßnahmen gemeinsam zu überprüfen. Gerade in der Sekundarstufe verhindert das, dass jedes Fach einen völlig anderen Umgang verlangt.

Bei anhaltenden Schwierigkeiten braucht es eine gemeinsame Bestandsaufnahme. Welche Unterstützung wurde tatsächlich umgesetzt? Wo fehlen fachliche Grundlagen? Welche weiteren Belastungen müssen berücksichtigt werden? Eine Klassenwiederholung allein schafft noch keinen passenden Rahmen für Selbstregulation und Organisation. Größere schulische Entscheidungen brauchen deshalb eine individuelle Betrachtung und einen konkreten Unterstützungsplan.

Du musst diese Aufgabe nicht allein tragen. Hol Schulleitung, Beratungslehrkraft, Schulpsychologie oder andere zuständige Fachpersonen passend hinzu. Unsere ADHS-Info-Seite erläutert die Bedeutung von Unterstützung durch Eltern und Umfeld. Der Überblick des zentralen ADHS-Netzes für den Unterricht bietet ebenfalls weiterführende Orientierung.

Regeln und Routinen gemeinsam aufbauen

Plane zu Beginn eines Schuljahres Zeit ein, um wichtige Abläufe zu üben. Zeige, wie Materialien bereitgelegt werden, wie eine Arbeitsphase beginnt und wie Hilfe angefragt wird. Wiederhole das auch nach Ferien oder bei einer neuen Unterrichtsform. Regeln an der Wand ersetzen die gemeinsame Übung nicht.

Für die Grundschule kann der Einstieg aus drei Bildern bestehen: Jacke aufhängen, Heft herausnehmen, Startaufgabe beginnen. In der Sekundarstufe hilft eine feste Information am selben Ort der Tafel: Material, erster Auftrag, Zeitrahmen. Je ähnlicher sich diese Grundstruktur zwischen Fächern zeigt, desto weniger muss jedes Mal neu erschlossen werden.

Bei ungeplanten Änderungen brauchst du zusätzliche Orientierung. Sag kurz, was anders ist und was gleich bleibt. Nach einem Raumwechsel kann ein persönlicher Hinweis sinnvoll sein: „Dein Platz ist dort. Leg zuerst das Arbeitsblatt vor dich.“ Sobald der Einstieg gelingt, gib eine kurze Rückmeldung.

Ein Sitzplatz, der Unterstützung erreichbar macht

Ein geeigneter Platz verkürzt Wege: Das Kind sieht wichtige Informationen, hört deine Ansprache und erreicht dich für eine kurze Rückfrage. Ein Platz in deiner Nähe kann dabei helfen. Direkt neben der Tür, einem stark genutzten Materialregal oder einer besonders gesprächigen Gruppe entstehen dagegen möglicherweise zusätzliche Ablenkungen.

Es gibt keine Sitzordnung, die für jedes Kind mit ADHS richtig ist. Ein eigener Arbeitstisch kann bei Stillarbeit entlasten; eine Partnerarbeit kann beim Start helfen. Besprich, welche Situation welchen Platz braucht. Ein ruhiger Arbeitsplatz soll Zugehörigkeit ermöglichen und darf nicht wie ein Strafplatz wirken.

In der Grundschule kannst du zwei Arbeitsplätze gemeinsam ausprobieren. In der Sekundarstufe brauchst du häufig Absprachen zwischen Fachlehrkräften: Darf ein Jugendlicher bei längeren Arbeitsphasen einen ruhigeren Platz nutzen? Kann die Platzwahl im nächsten Raum ähnlich funktionieren? Beobachte dabei die tatsächliche Arbeit und frag nach der Wahrnehmung des Kindes.

Den Arbeitsbeginn gemeinsam finden

Ein Arbeitsblatt kann fachlich angemessen sein und trotzdem wie ein unüberwindbarer Berg wirken. Bevor du mehr Übungsmaterial gibst, prüfe, ob der Anfang sichtbar ist. „Bearbeite das Blatt“ enthält viel mehr Planungsarbeit als „Lies jetzt die erste Frage und unterstreiche, was du herausfinden sollst“.

Hilf beim ersten Schritt, ohne gleich die ganze Aufgabe zu übernehmen. Du kannst auf den Start zeigen, das benötigte Material bereitlegen oder eine kurze erste Handlung zusammen ausführen. Zieh dich zurück, sobald das Kind weiterarbeiten kann, und vereinbare einen erreichbaren nächsten Kontakt.

Behalte Arbeitsbeginn und fachliche Genauigkeit getrennt im Blick. Wenn ein Kind erstmals selbstständig ins Arbeiten kommt, verdient das Anerkennung, auch wenn noch Fehler entstehen. Danach besprichst du gezielt einen Lernschritt. Wer gleichzeitig schneller, ordentlicher, fehlerfrei und völlig selbstständig arbeiten soll, kann leicht wieder am Anfang scheitern.

Aufgaben portionieren und Wahlmöglichkeiten geben

Decke auf einem Aufgabenblatt zunächst einen Teil ab. Vereinbare eine kleine Menge und eine kurze Rückmeldung danach: „Du machst diese drei Aufgaben. Dann schauen wir gemeinsam drauf.“ Die nächsten Schritte bleiben erreichbar, statt von Anfang an die gesamte Aufmerksamkeit zu beanspruchen.

Biete überschaubare Entscheidungen an. Das Kind kann etwa zwischen zwei Einstiegsaufgaben wählen oder entscheiden, ob es erst eine Skizze oder einen kurzen Text erstellt. Eine unbegrenzte Auswahl erhöht dagegen möglicherweise die Planungsanforderung. Beteiligung funktioniert am besten innerhalb eines klaren Rahmens.

Bei einem Referat in der Sekundarstufe hilft eine Folge konkreter Zwischenziele: Fragestellung festlegen, zwei passende Quellen auswählen, Gliederung besprechen, erste Folie erstellen. Verabrede dazu kurze Termine im Unterricht. „Das Referat ist in vier Wochen fällig“ lässt die notwendige Organisation weitgehend unsichtbar.

Ein umfangreiches Aufgabenblatt wird in drei kleine Portionen aufgeteilt. Eine Uhr macht die Zeit sichtbar, ein Haken markiert den ersten Erfolg.
Eine Portion. Ein Zeitrahmen. Eine Rückmeldung.Die gesamte Aufgabe muss nicht auf einmal bewältigt werden. Mache zuerst einen kleinen Teil sichtbar und vereinbare den nächsten kurzen Kontakt.

Bewegung als Teil des Arbeitsalltags

Nicht jede Bewegung stört das Lernen. Manche Kinder hören besser zu, wenn sie ihre Füße bewegen, kurz stehen oder etwas Unauffälliges in der Hand halten. Bei anderen lenkt dasselbe Hilfsmittel zusätzlich ab. Entscheidend ist, ob es die Teilnahme erleichtert und andere ausreichend ungestört arbeiten können.

Vereinbare konkrete Möglichkeiten: im hinteren Bereich am Stehpult arbeiten, zwischen zwei Aufgaben kurz aufstehen oder während einer Erklärung ein leises Hilfsmittel nutzen. Teste einfache Lösungen zuerst. Ein besonderes Sitzmöbel ist nicht automatisch hilfreicher als eine sinnvoll erlaubte Positionsänderung.

Formuliere die gemeinsame Grenze verständlich: „Du darfst dich bewegen. Achte darauf, dass die anderen weiterarbeiten können.“ Rücksicht funktioniert in beide Richtungen: Das Kind berücksichtigt die Klasse, und die Klasse lernt, dass passende Unterstützung unterschiedlich aussehen kann.

Pausen und Reize bewusst gestalten

Plane kurze Bewegungspausen, bevor die Arbeitsphase vollständig kippt. Für jüngere Kinder kann das eine gemeinsame Streckpause sein, für Jugendliche ein vereinbarter kurzer Wechsel zwischen Sitzen und Stehen. Eine Pause braucht einen erkennbaren Anschluss: „Danach beginnen wir mit Aufgabe zwei.“

Auch Geräusche, Licht und Materialfülle verdienen Aufmerksamkeit. Muss alles auf dem Tisch liegen? Ist eine Informationstafel gut lesbar? Helfen Kopfhörer bei selbstständiger Arbeit? Prüfe einzelne Veränderungen, statt den Arbeitsplatz gleichzeitig vollständig umzubauen.

Die NICE-Leitlinie nennt unter anderem angepasste Sitzplätze, weniger Ablenkungen, schriftliche Hinweise und Bewegungspausen als mögliche Veränderungen der Lernumgebung. Welche davon passen, richtet sich nach dem individuellen Bedarf.

3. Hausaufgaben

Grundschule: Hausaufgaben abschaffen. Mittel- und Oberstufe: reduzieren.

Unsere Empfehlung im Umgang mit ADHS ist klar: Schaffe Hausaufgaben in der Grundschule ab und reduziere sie in Mittel- und Oberstufe. Nutze die schulische Lernzeit für begleitetes Üben und einen erreichbaren Abschluss. Wenn du diese Entscheidung nicht allein treffen kannst, bring sie in das Kollegium ein und vereinbare zunächst konkrete Entlastungen für das Kind.

Nach einem anstrengenden Schultag verlagern Hausaufgaben Anforderungen an Planung, Arbeitsbeginn und Durchhalten ins Elternhaus. Dort fehlen häufig die unmittelbare fachliche Unterstützung und der Rahmen des Unterrichts. Eltern sollen dann gleichzeitig erklären, motivieren, erinnern und Konflikte auffangen. Für die Familie kann das den gesamten Nachmittag bestimmen.

Der schulische Nutzen muss deshalb im Verhältnis zu dieser Belastung stehen. In der Forschungssynthese von Cooper, Robinson und Patall war der Zusammenhang zwischen Hausaufgaben und Leistung in höheren Klassen stärker als in den unteren. Die Untersuchung bezieht sich auf Hausaufgaben allgemein, nicht speziell auf ADHS; sie prüft auch keine pauschale Abschaffung für alle Kinder mit ADHS.

ADHS-spezifische Forschung zeigt, dass gezielte Unterstützung bei bestehenden Hausaufgabenproblemen helfen kann. In einer randomisierten Studie mit Kindern zwischen fünf und zwölf Jahren verbesserte eine Kombination aus Elterntraining und täglicher Rückmeldekarte die Bearbeitung. Untersucht wurde dabei Unterstützung, nicht die Abschaffung. Für unseren Tipp verbinden wir die schulstufenbezogene Forschung mit dem Ziel, zusätzliche Belastung zu reduzieren und Lernen verlässlich zu begleiten.

In höheren Klassen gezielt auswählen

Wenn Hausaufgaben bestehen bleiben, gib eine begrenzte, eindeutig erklärte Aufgabe mit erkennbarem Zweck. Zehn ähnliche Aufgaben sind nicht automatisch hilfreicher als drei passende. Prüfe, ob der Inhalt selbstständig bearbeitet werden kann und ob die nötigen Materialien verfügbar sind.

Koordiniere den Umfang über die Fächer hinweg. Fünf einzeln kleine Aufträge können zusammen einen überfordernden Nachmittag ergeben. Vereinbare mit Kind und Eltern einen passenden Zeitrahmen und einen klaren Abschluss, wenn dieser erreicht ist. Beobachte tatsächliche Arbeitszeiten; die Zeit, die du für die Aufgabe vermutest, kann sich erheblich von der des Kindes unterscheiden.

Ein Jugendlicher kann zum Beispiel einen begrenzten Abschnitt vorbereiten und offene Fragen markieren. So wird sichtbar, was verstanden wurde und wo Hilfe nötig ist. „Arbeite weiter, bis alles fehlerfrei ist“ hat dagegen keinen verlässlichen Endpunkt und kann zusätzliche Belastung erzeugen.

Unerledigte Unterrichtsarbeit bleibt eine schulische Aufgabe

Schicke nicht erledigte Aufgaben aus dem Unterricht nicht zusätzlich zu den Hausaufgaben nach Hause. Wenn der Arbeitsbeginn, das Material oder der Umfang im Unterricht nicht gepasst hat, muss die Lösung dort ansetzen. Ein zusätzlicher Aufgabenberg verschiebt dieselbe Hürde in den Nachmittag und vergrößert sie.

Klär am nächsten Schultag, woran es lag, und passe die Unterstützung an. Fehlende fachliche Grundlagen brauchen einen gezielten Lernschritt. Eine zu große Menge braucht Auswahl. Ein schwieriger Start braucht einen konkreteren Einstieg. Wenn ein Kind Arbeit zunehmend vermeidet, schau auch darauf, welche Erfahrungen von Überforderung dahinterstehen.

Wenn zu Hause gearbeitet wird

Ein geeigneter Arbeitsplatz muss nicht das eigene Zimmer sein. Für manche Kinder hilft ein Platz in der Nähe einer ansprechbaren Person; andere brauchen mehr Ruhe. Ermutige Eltern, das gemeinsam auszuprobieren und klar zu trennen, ob gerade Begleitung oder fachliche Erklärung nötig ist.

Auch Musik kann je nach Kind und Aufgabe hilfreich oder störend sein. Es gibt keinen pauschalen Vorteil einer bestimmten Musikrichtung oder eines bestimmten Geräuschs. Entscheidend sind die beobachtbare Arbeit und die Rückmeldung des Kindes. Frag danach, was den Alltag erleichtert, und vermeide zusätzliche Anforderungen an einen angeblich perfekten häuslichen Lernplatz.

4. Unterrichten: Was kannst du als Lehrkraft tun?

Im Unterricht setzt du die Kernprinzipien unmittelbar um: Du stellst Aufmerksamkeit her, gibst nutzbare Aufträge, entlastest das Gedächtnis und machst Beteiligung möglich.

Persönlich ansprechen und kurze Anweisungen geben

Bevor du einen Auftrag gibst, stelle Aufmerksamkeit her. Nutze den Namen, ein vereinbartes Handzeichen oder einen kurzen Hinweis am Arbeitsplatz. Erzwinge dabei keinen Blickkontakt und setze Berührungen nicht voraus. Zuhören kann auch gelingen, wenn das Kind dich nicht direkt anschaut.

Gib anschließend eine kurze, konkrete Anweisung. „Schlag Seite 24 auf“ ist leichter umsetzbar als eine längere Erklärung, in der sich Auftrag, Begründung und mehrere Folgeschritte mischen. Warte kurz, ob die Handlung beginnt. Erkläre den Hintergrund anschließend, wenn das sinnvoll ist.

Lass das Kind den ersten Schritt mit eigenen Worten wiedergeben: „Womit beginnst du?“ Das ist eine Verständnissicherung. Wenn die Antwort fehlt, klärst du den Auftrag erneut, ohne daraus eine öffentliche Prüfung zu machen. Gerade Jugendliche brauchen eine diskrete Form solcher Rückfragen.

Beschreibe, was du beobachtest

„Du hast nach dem ersten Satz aufgehört“ lässt Raum für eine Lösung. „Du bist wieder faul“ greift die Person an. Beobachtbare Beschreibungen helfen auch im Gespräch mit Eltern: Wann gelingt etwas? Wo bricht der Ablauf ab? Welche Hilfe verändert die Situation?

Zum Beispiel kannst du sagen: „Du weißt, was zu tun ist. Der Anfang klappt gerade noch nicht. Wir machen den ersten Schritt zusammen.“ Eine solche Ansprache hält die Anforderung aufrecht und bietet unmittelbar Unterstützung an. Du brauchst dafür keine lange Grundsatzrede.

Beteiligung ermöglichen und Denkwege sichtbar machen

Du kannst Aufmerksamkeit mit deiner Stimme, einer interessanten Frage und einem anschaulichen Beispiel unterstützen. Du brauchst dafür keine pausenlose Show. Wichtiger sind erkennbare Arbeitsphasen, persönliche Ansprache und die Möglichkeit, selbst etwas zu tun. Wechsle zwischen Zuhören, Anwenden und Besprechen, wenn Inhalt und Lerngruppe das erlauben.

Ein Unterrichtsgespräch, in dem meistens die schnellste Antwort gewinnt, kann impulsives Reinrufen begünstigen. Gib allen zunächst Denkzeit. Lass Antworten auf kleinen Tafeln oder Papier notieren und gemeinsam zeigen. Wähle anschließend einzelne Kinder aus, die ihren Weg erklären. So zählt neben dem Ergebnis auch, wie jemand darauf gekommen ist.

In der Grundschule kannst du eine Antwort malen oder mit Material legen lassen. In der Sekundarstufe helfen kurze schriftliche Überlegungen vor der Diskussion. Ein Jugendlicher kann einen Gedanken festhalten, während er wartet. Das erleichtert die Beteiligung, wenn das Gefühl drängt, eine Idee sofort aussprechen zu müssen.

Lesen mit einer klaren Arbeitsfolge

„Lies den Text und fasse ihn zusammen“ verbindet mehrere anspruchsvolle Aufgaben. Mach die einzelnen Handlungen sichtbar und übe sie am Anfang gemeinsam. Eine an SQ4R angelehnte Folge kann so aussehen:

  1. Überblick gewinnen: Überschrift, Bilder und Aufbau anschauen.
  2. Fragen klären: Festhalten, welche zwei Fragen der Text beantworten soll.
  3. Einen Abschnitt lesen: Die Menge passend begrenzen.
  4. In eigenen Worten wiedergeben: Kurz sagen, was der Abschnitt erklärt.
  5. Wichtiges notieren: Ein bis zwei Stichpunkte aufschreiben.
  6. Nachsehen: Prüfen, ob die Notizen die Fragen beantworten.

Diese Folge ist ein mögliches Gerüst. Jüngere Kinder brauchen kürzere Abschnitte und vielleicht zunächst mündliche Antworten. Jugendliche können schrittweise selbst Fragen formulieren. Eine Lesestrategie soll den Inhalt zugänglich machen; wenn das Gerüst mehr überfordert als hilft, vereinfache es.

Schreiben und digitale Hilfen passend einsetzen

Wenn Handschrift, Rechtschreibung und Formulieren gleichzeitig viel Kraft kosten, zerlege auch hier die Aufgabe. Sammle erst Ideen, ordne sie anschließend und arbeite danach am Text. Vorlagen oder Satzanfänge können den Einstieg erleichtern. Welcher Teil gerade geübt wird, sollte für das Kind erkennbar sein.

Tastaturschreiben kann eine sinnvolle zusätzliche Fähigkeit sein. Prüfe bei geeigneten Aufgaben, ob ein digitaler Text die Beteiligung verbessert. Die Nutzung muss zur Aufgabe und zu den schulischen Vereinbarungen passen. Wenn die Handschrift selbst das Lernziel ist, braucht sie gezielte Unterstützung in einem angemessenen Umfang.

Kurze Erklärvideos können eine Wiederholung ermöglichen. Gib dazu einen konkreten Auftrag: „Schau bis zu diesem Schritt, stoppe und probiere ihn selbst aus.“ Ein offenes Videoportal mit vielen Vorschlägen kann dagegen vom Lernen wegführen. Wähle wenige geeignete Inhalte und halte den Zugang übersichtlich.

Anspruchsvolle Phasen sinnvoll legen

Beobachte, wann das Kind gut arbeiten kann. Wenn du den Tagesablauf beeinflussen kannst, lege besonders anspruchsvolle Aufgaben in solche Phasen. Belastbarkeit kann sich über den Tag verändern, aber ein fester Verlauf gilt nicht für alle. Auch Schlaf, Unterrichtssituation und vorherige Anstrengung spielen eine Rolle.

Vereinbare außerdem einen einfachen Weg, Hilfe zu holen: eine Karte, ein Zeichen oder eine kurze Rückfrage. Ein Kind sollte wissen, wie es Unterstützung erreicht, bevor es vollständig aus der Arbeit herausfällt.

Organisation gemeinsam einüben

Ein ordentliches Materialsystem entsteht durch wiederholte Handlungen. Gib Arbeitsblättern einen festen Ablageort, nutze eindeutige Beschriftungen und plane das Abheften im Unterricht ein. In der Grundschule kannst du die Schritte gemeinsam anleiten: „Wir legen das Blatt in die blaue Mappe. Jetzt schließen wir die Mappe.“

In der Sekundarstufe helfen gemeinsame Regeln über mehrere Fächer hinweg: Wo stehen Aufgaben? Wie werden Dateien benannt? Wann werden Abgaben kontrolliert? Prüfe, ob das System im Alltag funktioniert. Fünf verschiedene Plattformen und mehrere konkurrierende Aufgabenlisten erhöhen die Anforderungen zusätzlich.

Notizen sollen das Gedächtnis entlasten. Wenn Zuhören und Mitschreiben gleichzeitig überfordern, stelle eine Gliederung, Stichwortvorlage oder wichtige Tafelnotizen bereit. Übe mit dem Kind, wie es daraus eigene brauchbare Notizen macht. Plane am Stundenende einen kurzen Blick auf Material und nächsten Auftrag ein. Diese gemeinsame Minute kann verhindern, dass eine ganze Arbeitsphase zu Hause mit der Suche nach fehlenden Informationen beginnt.

5. Verhaltensverträge

Wenige konkrete Ziele gemeinsam vereinbaren

Ein Verhaltensvertrag hilft nur, wenn das Kind versteht, was es tun soll und wie es dabei unterstützt wird. „Streng dich mehr an“ lässt beides offen. Ein Ziel wie „Ich beginne nach dem Startsignal mit der markierten Aufgabe“ beschreibt eine beobachtbare Handlung.

Halte gemeinsam fest: die Handlung, deine Unterstützung, den Zeitpunkt der Rückmeldung und einen passenden Anreiz. Besprich, ob das Kind die Vereinbarung für erreichbar hält. Es soll an der Lösung beteiligt sein. Ein unterschriebener Vertrag ersetzt keinen Hinweis im entscheidenden Moment.

Beginne mit einem oder zwei Zielen. In der Grundschule kann eine Bildkarte reichen. Bei Jugendlichen braucht es eine altersangemessene Form, die nicht vor der Klasse ausgestellt wird. Vereinbare einen kurzen Überprüfungstermin. Wenn das Ziel nicht gelingt, prüfe mit dem Kind den Ablauf und die Hilfen und passe die Vereinbarung an.

6. Übergänge

Ein Wechsel braucht einen Plan

Vom Pausenhof in den Klassenraum, von Gruppenarbeit zu Stillarbeit, vom letzten Ergebnis zum Einpacken: Übergänge verlangen, dass ein Kind eine Handlung beendet, die Aufmerksamkeit umlenkt und den nächsten Ablauf beginnt. Genau diese Kombination kann bei ADHS schwierig sein.

Kündige einen Wechsel rechtzeitig an und benenne, was danach passiert. „In zwei Minuten legen wir das Material weg. Danach brauchst du dein Deutschheft“ bietet einen Plan. Ein allgemeines „Jetzt aber schnell!“ verlangt vom Kind, diesen Plan im selben Moment selbst zu entwickeln.

Nutze ein eindeutiges Stoppsignal und einen kurzen Startauftrag. Ein Signal kann die Aufmerksamkeit auf den Wechsel lenken; die konkrete Anweisung sagt, was zu tun ist. Achte darauf, dass das Kind diese Verbindung kennt. Ein immer lauter werdendes Signal liefert noch keine verständliche Handlungsfolge.

Eine Glocke, eine sichtbare Schrittfolge und ein Heft sind als drei Stationen auf einem gemeinsamen Weg angeordnet.
Ankündigen. Orientierung geben. Beginnen.Ein Übergang gelingt leichter mit einem bekannten Signal und einem konkreten Startauftrag. Das Kind weiß, was jetzt endet und womit es anschließend beginnt.

Verantwortung sinnvoll dosieren

Eine kleine Aufgabe kann den Übergang unterstützen: Karten verteilen, das Material tragen oder den Timer starten. Sie sollte dem Kind Orientierung geben und zur Situation passen. Ein Helferdienst darf aber nicht dauerhaft die eigentliche Lernzeit ersetzen.

Auch das Einpacken verdient einen Plan. Nimm dir am Ende kurz Zeit für die Frage: Was muss mit, was bleibt hier, und wo steht der nächste Auftrag? Bei Jugendlichen kann ein diskreter Abgleich mit einer Liste reichen. Junge Kinder benötigen oft noch eine gemeinsam geführte Reihenfolge.

Beobachte wiederkehrende Engstellen. Wenn jeden Tag nach der Pause Streit entsteht, bereite diesen Übergang gezielt vor. Die Lösung kann ein früher Hinweis, ein anderer Weg oder ein ruhiger Start sein. Warte mit der Unterstützung nicht erst auf den nächsten Konflikt.

7. Anreize für Verhaltensänderung

Die Unterstützung der Selbstmotivation wird hier konkret: Du machst hilfreiches Verhalten sichtbar und verbindest Rückmeldungen mit erreichbaren nächsten Schritten. Die Anreize richten sich nach dem Kind und dem Verhalten, das du mit ihm aufbauen möchtest.

Lob, Bestätigung und Anerkennung konkret machen

Lobe konkret: „Du hast nach dem Signal direkt angefangen“ oder „Du hast deine Frage notiert und gewartet, bis du dran warst“. So weiß das Kind, welches Verhalten hilfreich war. Allgemeines „Super!“ kann erfreuen, erklärt aber weniger genau, woran es anknüpfen kann.

Beachte kleine Fortschritte. Wenn bisher gar kein Arbeitsbeginn gelang, sind zwei konzentriert bearbeitete Aufgaben ein wichtiger Schritt. Stimme die Rückmeldung auf das Kind ab: Einige freuen sich über öffentliches Lob, andere möchten ein leises Wort oder eine kurze Markierung. Anerkennung soll entlasten und darf nicht unangenehm ausstellen.

Belohnungen klar und erreichbar vereinbaren

Ein individuelles Belohnungssystem kann helfen, eine neue Handlung aufzubauen. Vereinbare wenige konkrete Ziele und eine Belohnung, die das Kind tatsächlich interessant findet. „Du kannst etwas Schönes bekommen“ ist zu unbestimmt. „Nach zwei gelungenen Arbeitsstarts wählst du das Spiel für die kurze Abschlussrunde“ macht die Vereinbarung verständlich.

Die Rückmeldung und eine erreichbare Einlösemöglichkeit sollten zeitlich nah liegen. Für ein jüngeres Kind kann die nächste Unterrichtsphase ein passender Rahmen sein. Bei Jugendlichen kann ein diskretes System mit vereinbarten Wahlmöglichkeiten funktionieren. Eine einzige Chance am Freitag hilft im schwierigen Moment am Montag häufig wenig.

Prüfe regelmäßig, ob der Anreiz noch passt und das Ziel erreichbar ist. Wenn keine Punkte verdient werden, ist das zuerst ein Anlass, Anforderung und Unterstützung anzuschauen. Vielleicht ist das Ziel zu groß oder der entscheidende Hinweis fehlt. Essen, Toilettengänge und notwendige Erholung bleiben unabhängig von einem Punktestand zugänglich.

Grenzen und einen Handlungsweg anbieten

Du brauchst verlässliche Regeln. Eine Grenze sollte aber immer mit einem verständlichen nächsten Schritt verbunden sein: „Du unterbrichst gerade. Schreib den Gedanken hier auf; nach dieser Antwort bist du dran.“ So bekommt das Kind eine Alternative, die es unmittelbar nutzen kann.

Beschämung, drohende Grundsatzreden oder immer weiter anwachsende Strafaufgaben schaffen leicht zusätzliche Konflikte. Setze auf eine ruhige Korrektur, übe die gewünschte Handlung ein und erkenne sie an, sobald sie gelingt. Falls du für Sicherheit sorgen musst, steht der Schutz aller Beteiligten zuerst.

Die CDC beschreibt positive Verhaltensunterstützung und unmittelbare Rückmeldung als Bestandteile schulischer Unterstützung. Ein System braucht dabei einen klaren Plan. Es soll die Teilnahme erleichtern und die Beziehung stärken; ein tägliches Urteil über den Wert des Kindes hilft dabei nicht.

Rückmeldekarten als Orientierung nutzen

Eine tägliche Rückmeldekarte kann schulische Beobachtungen und Elternkontakt verbinden. Wähle wenige konkrete Ziele, die zu den aktuellen Schwierigkeiten passen. Allgemeine Kategorien wie „gutes Sozialverhalten“ lassen viel Raum für unterschiedliche Bewertungen. „Ich nutze das vereinbarte Signal, bevor ich meinen Platz verlasse“ ist genauer.

Für jedes Ziel braucht es einen vorher besprochenen Maßstab. Du könntest festhalten, ob die Handlung selbstständig, nach einem Hinweis oder noch nicht gelungen ist. Das macht vorhandene Unterstützung sichtbar. Gib die Rückmeldung zeitnah und besprich kurz, was geholfen hat.

Die Karte soll keine tägliche Sammlung von Vorwürfen werden. Plane auch eine neue Chance nach einer schwierigen Stunde. Falls Eltern daran anknüpfen, vereinbare mit ihnen eine ruhige Besprechung und passende Anerkennung. Eine zusätzliche Strafe am Abend verlängert einen Konflikt, der im Unterricht bereits bearbeitet werden sollte.

Schule und Elternhaus zusammenbringen

Halte den Austausch überschaubar und konkret: Welche Situation bearbeiten wir gerade? Was probieren wir aus? Woran erkennen wir eine Verbesserung? Wer gibt bis wann Rückmeldung? Ein kurzer regelmäßiger Kontakt kann hilfreicher sein als seltene lange Gespräche, die erst nach einer Eskalation stattfinden.

Eltern kennen die Belastung außerhalb der Schule; du beobachtest Unterricht und Lernverhalten. Das Kind kennt seine eigene Wahrnehmung. Bringe diese Perspektiven zusammen, auch wenn sie zunächst unterschiedlich erscheinen. Ein Jugendlicher, der in der Schule ruhig wirkt und zu Hause völlig erschöpft ist, braucht möglicherweise andere Unterstützung als von außen vermutet.

Teile mit schulischen Fachpersonen die Informationen, die für die vereinbarte Unterstützung nötig sind, über die vorgesehenen Wege. Verhaltenspläne und Diagnosen gehören nicht in eine öffentlich sichtbare Übersicht. Wenn Lehrkräfte wechseln, sollten die hilfreichen Absprachen trotzdem zuverlässig weitergegeben werden.

Damit kannst du morgen anfangen

Du brauchst für den ersten Schritt kein umfassendes neues Konzept. Wähle eine wiederkehrende Situation, in der das Kind bisher schwer weiterkommt. Probiere eine passende Hilfe, beobachte den Ablauf und besprich anschließend kurz, was sich verändert hat.

  • Einen Anfang zeigen: Markiere die erste Aufgabe und sichere den ersten Arbeitsschritt ab.
  • Eine Portion verkleinern: Vereinbare eine überschaubare Menge und einen kurzen Kontakt danach.
  • Einen Auftrag sichtbar machen: Schreibe die wichtigsten Schritte auf, statt sie nur zu sagen.
  • Einen Erfolg benennen: Gib eine konkrete Rückmeldung zu einer gelungenen Handlung.
  • Einen Übergang vorbereiten: Kündige den Wechsel an und benenne den nächsten Startauftrag.
  • Das Kind fragen: „Was hat dir heute geholfen? Was sollen wir morgen wieder so machen?“

Wenn eine Hilfe trägt, baue darauf auf. Wenn sie nicht trägt, passe sie gemeinsam mit dem Kind an. Mit jedem gut unterstützten Schritt gewinnt das Kind mehr Erfahrung darin, wie Lernen für es gelingen kann.

Quellen und weiterführendes Wissen

Dieser Guide verbindet Anregungen für den Unterricht mit fachlichen Empfehlungen und Forschungsbefunden. Die Unterrichtsbeispiele sind Anwendungsvorschläge; nicht jedes einzelne Hilfsmittel ist gleich gut untersucht. Prüfe deshalb die Wirkung im konkreten Schulalltag. Stand der redaktionellen Prüfung: 12. Oktober 2026.

In unserem ADHS-Kompendium kannst du die Grundlagen vertiefen. Besonders anschlussfähig sind die Abschnitte zu exekutiven Funktionen, wenig sichtbaren Schwierigkeiten und Therapie und Unterstützung.

Verstehen hilft dir beim Unterstützen.

Unser ADHS-Kompendium erklärt die Hintergründe zu Selbstregulation, Arbeitsgedächtnis und emotionaler Belastung. Vertiefe dort die Themen, die dir im Schulalltag begegnen.

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